Bachelorprojekt
Wintersemester 2025/2026
Hermine Teaser
Warum ein Film über die eigene Familienhistorie?
Der Ausgangspunkt des Projekts liegt im Familienunternehmen, dem Landhandel meiner Eltern, gegründet von meiner Urgroßmutter Hermine. Ein Film über ihre Geschichte erschien mir zunächst ungeeignet – zu persönlich, erzählerisch schwer greifbar und in seiner Bedeutung zu klein. Auch der Austausch im Kolloquium verstärkte die Frage, ob ein familiäres Thema die nötige Distanz für ein Bachelorprojekt zulässt.
Zwar war mir die Gründungsgeschichte in ihren Grundzügen bekannt, doch viele Zusammenhänge blieben unklar. Mein historisches Interesse galt lange vor allem großen, übergeordneten Ereignissen, während die lokale Geschichte meines Heimatortes für mich an Relevanz verlor.
Erst im Prozess wurde deutlich, dass gerade diese vermeintliche Nähe und Lokalität das Potenzial des Themas ausmachen. Die Auseinandersetzung mit den fragmentarischen Erinnerungen innerhalb der Familie eröffnete eine neue Perspektive auf die Geschichte meiner Urgroßmutter. Sie war der Ausgangspunkt für eine persönlich verankerte und zugleich gesellschaftlich lesbare Erzählung.

Die Geschichte
Hermine entschied sich nicht aus Überzeugung für die Selbstständigkeit, sondern aus der Not der Kriegsjahre heraus. Nachdem ihr Ehemann Friedrich 1942 an die Ostfront eingezogen wurde, übernahm sie seine Position als Leiterin der Zweigstelle des regionalen Landhandelsunternehmens „Kaul“ und sicherte so den Lebensunterhalt der Familie.
Als Friedrich 1944 als vermisst gemeldet wurde, kündigte ihr „Kaul“ mit der Begründung, die Tätigkeit sei für eine Frau zu schwer. Aus dieser Situation heraus – zwischen Existenzdruck und Widerstand – machte sich Hermine selbstständig und nutzte ihre Erfahrung sowie ihre gewachsene Stellung in der Kundschaft.
* Hunteburg und seine Umgebung ist stark von Mooren und Landwirtschaft geprägt. Ein Landhandel dient als Zulieferer, gibt fachliche Beratung und bietet verschiedene Dienstleistungen und Produkte für regionale Landwirtschaftsbetriebe.
Vorgespräche
In den Gesprächen lag der Fokus auf Hermine und der Gründungszeit des Landhandels in den 1940er- und 50er-Jahren. Erzählt wurde von den schwierigen Nachkriegsumständen, Versorgungssystemen und den Anfängen des Betriebs, oft ergänzt durch persönliche Anekdoten.
Mit zunehmender Tiefe rückte auch die NS-Zeit in den Fokus, insbesondere die Rolle der eigenen Familie und das gesellschaftliche Leben im Dorf. Die Gespräche zeigten dabei Unsicherheiten, Lücken und teils widersprüchliche Erinnerungen, geprägt von Distanz, Emotionalität und einem zurückhaltenden Umgang mit belastenden Themen. Für das Projekt wurde deutlich, dass Erinnerung nicht nur durch Erzählungen, sondern auch durch Auslassungen geprägt ist – und dass Themen wie Schweigen, Trauma und selektive Erinnerung eine zentrale Rolle im Umgang mit der Vergangenheit spielen.

Kündigung von Hermines ehemaligen Arbeitgeber Kaul aus Dielingen

Antrag auf Genehmigung zur Gründung des eigenen Unternehmens

Zeitungsausschnitt zur Geschäftseröffnung vom 01.02.1946

Gesprächspartner*innen
Zu Beginn des Projekts führte ich ausführliche Vorgespräche mit Zeitzeug:innen aus dem persönlichen Umfeld von Hermine. Dabei entstanden über sechs Stunden Audiomaterial sowie weitere, undokumentierte Gespräche. Den Schwerpunkt bildeten Interviews mit Familienmitgliedern sowie mit Ernst, einem ehemaligen Mitarbeiter des Landhandels, der Hermine noch persönlich kannte.

Recherche im Heimatverein
Im Austausch mit dem Hunteburger Heimatverein erhielt ich Einblick in eine umfangreiche historische Sammlung zur Dorfgeschichte. Gemeinsam mit Peter Gausmann sichtete ich Archivmaterialien und konnte zwei Originale für die weitere Recherche nutzen. Darunter ein Schulbuch zur gesellschaftlichen Entwicklung vom Kaiserreich bis in die BRD sowie ein NSDAP-Parteibuch mit regionalen Mitgliedseinträgen, in dem sich auch ein familiärer Bezug herstellen ließ.
Interview mit Ernst, einem langjährigen Mitarbeiter.
Dreh
Der Dreh fand über sieben Tage an mehreren Orten statt und erforderte eine flexible Planung, da unterschiedliche Wohnorte, Termine und kurzfristige Änderungen berücksichtigt werden mussten. Drei Tage wurde ich von Luca Hoppe im Zwei-Kamera-Setup unterstützt, einzelne Interviews setzte ich allein um. Neben den Interviews entstanden situative Aufnahmen von Landschaft, Betrieb und Alltag, stark geprägt durch Wetter, Tagesablauf und spontane Gegebenheiten.

Interview mit Ernst
Das Interview mit Ernst entstand am Landhandel, um ihn direkt im Kontext seines Arbeitsumfelds zu zeigen. Gedreht wurde im Zwei-Kamera-Setup mit Unterstützung, wobei ich das Interview führte. Ernst überzeugte durch eine sehr unterhaltsame und authentische Erzählweise, ergänzt durch Aufnahmen vor Ort mit historischen Maschinen. Im Schnitt entschied ich mich jedoch, das Material nicht in den Hauptfilm zu integrieren, da die inhaltliche Dichte bereits zu hoch war. Stattdessen wurde sein Interview als eigenständiger Bestandteil für die Ausstellung konzipiert.

Interview mit Ria und Dieter
Das Interview mit meinen Großeltern entwickelte schnell eine vertraute und persönliche Atmosphäre, in der beide offen und ausführlich erzählten. Besonders lebendig wurde der Dreh beim gemeinsamen Durchgehen der Fotoalben: Aus anfänglich ungefiltertem Erzählen entwickelte sich im Verlauf ein tiefgehender Austausch mit zahlreichen persönlichen Anekdoten. Der Dreh war geprägt von Nähe, Spontanität und einem sensiblen Umgang mit der familiären Situation.

Interview mit Gerda
Das Interview mit Gerda war unter Zeitdruck und als Solo-Dreh besonders herausfordernd, da nur ein Versuch möglich war. Da sie Hermines älteste Tochter ist, lag der Fokus auf ihren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die frühen Jahre des Landhandels. Gedreht wurde mit minimalem Setup und verfügbarem Licht, wodurch sich die Lichtsituation im Verlauf deutlich veränderte. In der Umsetzung zeigten sich Schwächen im Aufbau (Achsensprung) und im Fokus, die jedoch im finalen Material kaum störten und dem Bild teilweise eine eigene Atmosphäre verliehen. Das Projekt war eine wichtige Erfahrung im Umgang mit spontanen Drehbedingungen und technischen Limitierungen.

Endergebnis
Bachelorprojekt
Wintersemester 2025/2026
Hermine Teaser
Warum ein Film über die eigene Familienhistorie?
Der Ausgangspunkt des Projekts liegt im Familienunternehmen, dem Landhandel meiner Eltern, gegründet von meiner Urgroßmutter Hermine. Ein Film über ihre Geschichte erschien mir zunächst ungeeignet – zu persönlich, erzählerisch schwer greifbar und in seiner Bedeutung zu klein. Auch der Austausch im Kolloquium verstärkte die Frage, ob ein familiäres Thema die nötige Distanz für ein Bachelorprojekt zulässt.
Zwar war mir die Gründungsgeschichte in ihren Grundzügen bekannt, doch viele Zusammenhänge blieben unklar. Mein historisches Interesse galt lange vor allem großen, übergeordneten Ereignissen, während die lokale Geschichte meines Heimatortes für mich an Relevanz verlor.
Erst im Prozess wurde deutlich, dass gerade diese vermeintliche Nähe und Lokalität das Potenzial des Themas ausmachen. Die Auseinandersetzung mit den fragmentarischen Erinnerungen innerhalb der Familie eröffnete eine neue Perspektive auf die Geschichte meiner Urgroßmutter. Sie war der Ausgangspunkt für eine persönlich verankerte und zugleich gesellschaftlich lesbare Erzählung.

Die Geschichte
Hermine entschied sich nicht aus Überzeugung für die Selbstständigkeit, sondern aus der Not der Kriegsjahre heraus. Nachdem ihr Ehemann Friedrich 1942 an die Ostfront eingezogen wurde, übernahm sie seine Position als Leiterin der Zweigstelle des regionalen Landhandelsunternehmens „Kaul“ und sicherte so den Lebensunterhalt der Familie.
Als Friedrich 1944 als vermisst gemeldet wurde, kündigte ihr „Kaul“ mit der Begründung, die Tätigkeit sei für eine Frau zu schwer. Aus dieser Situation heraus – zwischen Existenzdruck und Widerstand – machte sich Hermine selbstständig und nutzte ihre Erfahrung sowie ihre gewachsene Stellung in der Kundschaft.
* Hunteburg und seine Umgebung ist stark von Mooren und Landwirtschaft geprägt. Ein Landhandel dient als Zulieferer, gibt fachliche Beratung und bietet verschiedene Dienstleistungen und Produkte für regionale Landwirtschaftsbetriebe.
Vorgespräche
In den Gesprächen lag der Fokus auf Hermine und der Gründungszeit des Landhandels in den 1940er- und 50er-Jahren. Erzählt wurde von den schwierigen Nachkriegsumständen, Versorgungssystemen und den Anfängen des Betriebs, oft ergänzt durch persönliche Anekdoten.
Mit zunehmender Tiefe rückte auch die NS-Zeit in den Fokus, insbesondere die Rolle der eigenen Familie und das gesellschaftliche Leben im Dorf. Die Gespräche zeigten dabei Unsicherheiten, Lücken und teils widersprüchliche Erinnerungen, geprägt von Distanz, Emotionalität und einem zurückhaltenden Umgang mit belastenden Themen. Für das Projekt wurde deutlich, dass Erinnerung nicht nur durch Erzählungen, sondern auch durch Auslassungen geprägt ist – und dass Themen wie Schweigen, Trauma und selektive Erinnerung eine zentrale Rolle im Umgang mit der Vergangenheit spielen.

Kündigung von Hermines ehemaligen Arbeitgeber Kaul aus Dielingen

Antrag auf Genehmigung zur Gründung des eigenen Unternehmens

Zeitungsausschnitt zur Geschäftseröffnung vom 01.02.1946

Gesprächspartner*innen
Zu Beginn des Projekts führte ich ausführliche Vorgespräche mit Zeitzeug:innen aus dem persönlichen Umfeld von Hermine. Dabei entstanden über sechs Stunden Audiomaterial sowie weitere, undokumentierte Gespräche. Den Schwerpunkt bildeten Interviews mit Familienmitgliedern sowie mit Ernst, einem ehemaligen Mitarbeiter des Landhandels, der Hermine noch persönlich kannte.

Recherche im Heimatverein
Im Austausch mit dem Hunteburger Heimatverein erhielt ich Einblick in eine umfangreiche historische Sammlung zur Dorfgeschichte. Gemeinsam mit Peter Gausmann sichtete ich Archivmaterialien und konnte zwei Originale für die weitere Recherche nutzen. Darunter ein Schulbuch zur gesellschaftlichen Entwicklung vom Kaiserreich bis in die BRD sowie ein NSDAP-Parteibuch mit regionalen Mitgliedseinträgen, in dem sich auch ein familiärer Bezug herstellen ließ.
Interview mit Ernst, einem langjährigen Mitarbeiter.
Dreh
Der Dreh fand über sieben Tage an mehreren Orten statt und erforderte eine flexible Planung, da unterschiedliche Wohnorte, Termine und kurzfristige Änderungen berücksichtigt werden mussten. Drei Tage wurde ich von Luca Hoppe im Zwei-Kamera-Setup unterstützt, einzelne Interviews setzte ich allein um. Neben den Interviews entstanden situative Aufnahmen von Landschaft, Betrieb und Alltag, stark geprägt durch Wetter, Tagesablauf und spontane Gegebenheiten.

Interview mit Ernst
Das Interview mit Ernst entstand am Landhandel, um ihn direkt im Kontext seines Arbeitsumfelds zu zeigen. Gedreht wurde im Zwei-Kamera-Setup mit Unterstützung, wobei ich das Interview führte. Ernst überzeugte durch eine sehr unterhaltsame und authentische Erzählweise, ergänzt durch Aufnahmen vor Ort mit historischen Maschinen. Im Schnitt entschied ich mich jedoch, das Material nicht in den Hauptfilm zu integrieren, da die inhaltliche Dichte bereits zu hoch war. Stattdessen wurde sein Interview als eigenständiger Bestandteil für die Ausstellung konzipiert.

Interview mit Ria und Dieter
Das Interview mit meinen Großeltern entwickelte schnell eine vertraute und persönliche Atmosphäre, in der beide offen und ausführlich erzählten. Besonders lebendig wurde der Dreh beim gemeinsamen Durchgehen der Fotoalben: Aus anfänglich ungefiltertem Erzählen entwickelte sich im Verlauf ein tiefgehender Austausch mit zahlreichen persönlichen Anekdoten. Der Dreh war geprägt von Nähe, Spontanität und einem sensiblen Umgang mit der familiären Situation.

Interview mit Gerda
Das Interview mit Gerda war unter Zeitdruck und als Solo-Dreh besonders herausfordernd, da nur ein Versuch möglich war. Da sie Hermines älteste Tochter ist, lag der Fokus auf ihren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die frühen Jahre des Landhandels. Gedreht wurde mit minimalem Setup und verfügbarem Licht, wodurch sich die Lichtsituation im Verlauf deutlich veränderte. In der Umsetzung zeigten sich Schwächen im Aufbau (Achsensprung) und im Fokus, die jedoch im finalen Material kaum störten und dem Bild teilweise eine eigene Atmosphäre verliehen. Das Projekt war eine wichtige Erfahrung im Umgang mit spontanen Drehbedingungen und technischen Limitierungen.

Endergebnis
Copyright © 2022 — 2026 Felix Bullermann. All rights reserved.
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